Hallo ihr Lieben,
vielen, vielen Dank für die zahlreichen lieben mails, die ich von euch bekommen habe und
entschuldigt gleichfalls, dass ich euch erst jetzt - und noch dazu in solch unpersönlicher
Rundbriefform - antworte. Und ja, diese email geht an mein ganzes Adressbuch, also einfach
ignorieren (und mich entschuldigen) falls ihr euch nicht berufen fühlt, diese email zu
lesen/erhalten.
Nichts desto trotz ermuntere ich euch hiermit, nein, ich erwarte das von euch als meinen
Freunden sogar, mir mehr zu schreiben ;-) Auch ‚snailmail’ wird gerne gesehen: Meine
Adresse lautet wie folgt:
0331 Prince Hall – UMass. 286 Sunset Avenue Amherst, MA 010039233. USA:
Ist es nicht toll, ich wohne in der Sunset Avenue?!
Nun aber gleich zu euren dringlichsten Fragen: Ja,
augenscheinlich lebe ich noch und nein, außer der
Nierenentzündung hatte ich *klopft auf Holz* keine weiteren
Krankheiten, Unfälle, Verletzungen. Ach doch, beim Versuch
mein brennendes T-Shirt zu löschen habe ich mir die Hand
verbrannt. Allerdings war ich da nicht ganz nüchtern, also zählt
das nicht.
Flagge an Autobahnraststätte
Und nun zu all dem, was ihr nicht wissen wolltet: Vor meiner Abreise hatte ich meine nichtakademischen
Ziele in Amerika wie folgt definiert: 1) Thanksgiving mit Amerikanern
verbringen, 2) Mir den w***ed Pissah Boston Accent angewöhnen, 3) am Ende meines
Aufenthaltes das Kreuzworträtsel der New York Times lösen zu können, 4) alles kosten/
kaufen was bunt ist (wobei ‚shoppen’ selbst ja der Inbegriff der amerikanischen Kultur ist.
Wissen wir ja alle spätestens seit George.W. nach 9/11 verkündete, dass sein Volk jetzt nicht
in Panik verfallen, sondern “to the mall“ gehen sollte) und 5) zu guter letzt wollte ich
American Sports schauen.
1) Um Thanksgiving mit Amerikanern zu verbringen, kann man entweder das Angebot des
Austauschprogramms wahrnehmen und das Fest mit einer der mit ihnen kooperierenden
Familien verbringen oder versuchen Freundschaften mit Amerikanern zu schließen und auf
eine Einladung von diesen zu hoffen. Ich hatte mich für zweites entschieden (und das
Vorhaben mittlerweile aufgegeben, so viel vorneweg).Das mit den amerikanischen
Freundschaften ist so eine Sache. Meines Erachtens nach sind die meisten Amerikaner (das
trifft natürlich nur auf diese zu, welche ich bislang kennen lernen durfte) oberflächlich,
ungebildet und humorlos. Vor allen Dingen aber humorlos!
Nun also zu den Orten, wo ich versuche diese Freundschaften zu schließen – und der
Erklärung, warum es nicht so recht klappt.
Campus Teich Wohnheime Campus Gelände
Wohnheim: Von den 30.000 Studenten der Uni leben ca 25.000 ‚on campus’ (ich vermute
mal, die Bevölkerungsdichte hier entspricht etwa der Taiwans) und bis auf etwa 200
‚graduate’ Studenten, von welchen noch einmal die Hälfte internationale Studenten sind, sind
alle anderen ‚undergraduates’. Die ‚undergraduates’ sind laut, nicht volljährig, promiskuitiv,
ziemlich oft betrunken, tragen rund um die Uhr Schlafanzüge (oder zu mindest Jogginghosen)
und - hatte ich erwähnt, dass sie ziemlich laut sind? Mit den Amerikanern meines
(‚graduate’)Wohnheims bin ich allerdings immerhin ‚friends on facebook’!
Unterricht: Ich besuche dreierlei Kurse: Medien- (eigentlich eher Film-) wissenschaftliche -,
Soziologische - und ich lerne Schwedisch. In meinen Soziologiekursen (die ich im Übrigen
liebe) bin ich der ‚geek’ und ja, ich kann es auch nicht leugnen, wohl auch des ‚teacher’s pet’
- und Niemand mag schließlich mit den Strebern befreundet sein.
Meine Medienwissenschaftlichen Kurse sind ziemlich ‚arty’ und die Leute darin, sehr an all
diesen intelektülen High-Culture-Artefakten interessiert und verstehen darum wohl keinen
(oder eben nicht meinen) Spaß. Immer nur Godard hier und Truffaut da, diesen Text von
Rancière und diesen Artikel aus den Cahiers du Cinéma. (Ja die gibt es tatsächlich noch – seit
letztem Jahr sogar auf Englisch). Allerdings schauen wir uns alle Filme auf 35mm an. Wenn
das nicht mal beneidenswerte Dekadenz ist? Meist werden die Filme dann semiotisch und
strukturalistisch untersucht. Das heißt, die Studenten sitzen tatsächlich da und schreiben
während eines Films auf etwa 17 Seiten mit wo, wer, wann das Licht an macht oder eine Türe
schließt. Kann man so etwas denn nicht in Drehbüchern nachlesen? In Konstanz jedenfalls
stritt ich mit so manchem Dozenten, dass Postmoderne ja auch mal vorbei sei[n werde] und
hier habe ich den Eindruck, dass niemand jemals etwas von Dekonstruktion,
Poststrukturalismus, Genderstudies, Queer Theory oder Cultural Studies gehört habe – und
selbst diese sind ja mitunter 40 Jahre alt. Es fühlt sich jedenfalls ein wenig so an als besuchte
ich a l l e Kurse bei Herrn Paech. Ach, aber was ich eigentlich
erzählen wollte, warum die Studenten nicht keinen Humor haben:
(Falls das noch nicht Beleg genug war.) Ein Beispiel: Wir haben
einen Dokumentarfilm über die Geschichte der Schwarzen in
Amerika geschaut. Wobei wir durch die am Ende eingeblendeten
Credits erfuhren, was aus den Protagonisten wurde: Bobby Seale
bspw. schrieb ein Buch namens ‚BBQ with Bobby Seale’, auch
genannt ‚BobbyQue’. Na, wenn das mal keine Vorlage ist? Die
Wirkung eines der bedeutendsten schwarzen Bürgerrechtler besteht
heute also darin ein Kochbuch zu schreiben. Doch auf mein, „ob’s
das wohl in der Bib gibt?“ wurde lediglich ein kühles „Probably
not!“ erwidert. Vielleicht war diese Bemerkung ja vergleichbar
damit, versehentlich Judenwitze zu reißen und ich bin in einen
ausgesprochen tiefen, interkulturellen Fettnapf getreten, doch falls nicht, so hielte ich es auf
jeden Fall für angebracht darüber zu ulken.
Schwedisch: Svenska är snygg språket och jag älskar det. Schwedisch ist eine süße Sprache
und ich liebe sie. Die Studenten die sie lernen, sind es auch. Viele sind ein wenig so, wie der
Rancher Otto bei Malcolm Mittendrin (obwohl der natürlich Däne ist) und für sie ist
Schweden so etwas wie das gelobte Land ohne fließend Wasser und Strom, dafür aber ehrlich
und naturverbunden. Ihre Motivation Schwedisch zu lernen ist, „go to Sweden and experience
a natural life as my forebears did”, vermutlich meinen sie ihre Vorfahren, welche damals auf
Ellis Island ankamen.
Sport: Die Mädels, welche mit mir Schwimmen finden es, glaube ich, ziemlich befremdlich,
dass ich rauche. Wobei ich tatsächlich sagen würde, gelegentlich. Ohne etwas beschönigen zu
wollen, denn ich weiß ja, dass ich geraucht habe wie ein Schlot – aber rauchen ist hier wie ein
Stigma und auf Dauer ziemlich anstrengend. Darüber hinaus wollte ich ihrem Club nicht
beitreten, was sie, da ich die ‚Ehre’ abgelehnt habe, etwas missgünstig stimmte. Allerdings
trainieren sie sechsmal die Woche, plus Kraft- und Lauftraining. Wann soll man das denn
machen? Aber ich habe mir ein anderes hehres Ziel gesteckt: Halbmarathon laufen.
Gemeinsam mit einer Freundin, sind wir nun schon bei Woche vier unseres zwölfwöchigen
Trainingsprogramms, das heißt 10km unter einer Stunde. Und ich bin ziemlich stolz auf mich,
denn am Anfang hatte ich es kaum zum Parkplatz geschafft (welcher etwa 0,5km entfernt
liegt). Meine Laufpartnerin ist allerdings Deutsche, weil ich ja eigentlich von Thanksgiving
erzählen wollte;-)
Straße in Amherst, Smith College Northhampton,
Amherst Friedhof
Doch bin ich anderen Gruppen
beigetreten. Der ‚Amnesty
International’-Gruppe bspw.,
diese hat die Theorie des
kommunikativen (und weniger
produktiven) Handelns
perfektioniert. Die Leute dort
sind nichts desto trotz sehr nett
und Einige teilen meine
Vorliebe für Philip K. Dick-
Verfilmungen, Alien- und
andere Science-Fiction-Filme,
sodass ich bereits in den Genuss des ein oder anderen DVD-Abends kam. Darüber hinaus bin
ich auch dem ‚Outing-Club’ (was mehr mit Outdoor, als mit Comming Out zu tun hat)
beigetreten. Yeah! Whitewaterkayaking! Sollte jeder einmal gemacht haben. Obwohl der
Connecticut River etwas langweilig ist, lohnt sich das total! Im Craft Center bin ebenfalls
‚member’. Ich werde als Hippie zurückkehren, oder noch schlimmer, ich werde euch
Geschenke mitbringen, welche ich selbst gebastelt habe und dann müsst ihr Strickhüte, Batik-
T-Shirts und Holzschmuck tragen. *hehe*. Zum Glück habe ich das Filzen noch nicht
begonnen. *hehe*. Diese Vorstellung gefällt mir. Dem Buchclub der örtlichen Bibliothek bin
ich ebenfalls beigetreten. Wobei alle anderen Mitglieder etwa 30 Jahre älter sind als ich und
deren Kinder bereits auf gute Colleges/Universitäten gehen. Sie mästen mich mit ihren
Pasteten und ‚homemade cookies’ und haben mich alle bereits adoptiert. Ja, diese Geschichte
mit den Clubs. Sie locken einen mit gratis Essen und schon kommt man nicht mehr raus. Und
da ihr nicht da seid um mich vor so etwas zu bewahren, so wie damals als ich Hare Krishna
beitreten wollte, bin ich nun Teil diverser dubioser Vereinigungen. Es hätte allerdings
schlimmer kommen können: Ich spiele nicht ‚Muggl Quidditch’, bin nicht bei ‚Scientology’
und auch in keiner Verbindung. Aber ansonsten passt dieses Land auch ganz gut auf mich auf,
sodass ich nicht allzu viele Dummheiten machen und mir nicht allzu viel passieren kann:
„caution wet floor“, „caution contains hot beverage“, „caution pit ahead“, „caution step“, am
Besten gefällt mir allerdings „Caution. This banana does not contain any additional flavor or
conserving agents. Will turn unsound if not consumed within 5 days”.
Abgesehen von all meinen Club-Aktivitäten gehe ich auf ziemlich viele Konzerte – America
is definetely a country of music!, zu Lesungen, in Theatervorstellungen oder auf Poetry
Slams. Jeden Tag findet eine andere (an der Uni sogar kostenlose!) Kulturveranstaltung statt,
was ziemlich großartig ist.
Konzert der Great Lake Swimmers in Northhampton Lesung Jonathan Safran Foer Carmen @ Fine Arts Center
Nun ist es aber auch nicht so, als dass ich bei all meinen Aktivitäten (ja ich frage mich, was
ich in Konstanz immer gemacht habe? Zumal man für die Kurse hier ebenfalls vielmehr
arbeiten muss. Sprich: Pro Kurs/Woche je 1500 Worte schreiben, ca 150 Seiten lesen,
‚weekly tests’. plus ‚mid-Term’- respektive ‚final papers’. Also einfach mal so, eine 10
Seitige Hausarbeit mitten im Semester schreiben) keine Einladung für Thanksgiving
bekommen hätte. Doch hat es ein Weilchen gedauert und ich war derweil schon so
verzweifelt, dass ich beschlossen habe, mit einer Freundin über Thanksgiving nach New York
zu fahren, worüber ich mittlerweile auch sehr froh bin, denn wie ihr aus meinen
Beschreibungen entnehmen könnt, sind die Leute hier teilweise etwas ‚anders’.
Nun aber zu Punkt 2), an welchen sich Punkt 3) auch gleich anschließt. Ich werde mich auch
kürzer fassen. Versprochen! Also Englisch ist tatsächlich das, womit ich am meisten zu
straucheln habe. Ich dachte immer mein Englisch sei gut, doch an Hand der Texte, welche ich
lesen muss, merke, ich dass es das augenscheinlich nicht ist und ich habe bereits mein zweites
Vokabelheft voll geschrieben. So wird das mit dem Kreuzworträtsel lösen vermutlich auch
nichts. Zumal ich Kreuzworträtsel, sowie jedwede Art sonstiger spielerischer Unterhaltung,
sowieso hasse. Aber ich lese die Zeitung, nicht zuletzt, da sie uns täglich gratis geliefert wird.
Was den Akzent anbelangt, so weiß ich auch nicht Recht ob ich ihn vielleicht schon adaptiert
habe, adaptieren werde? Auf jeden Fall habe ich, zu mindest sagen mir Amerikaner das
regelmäßig, „a very polite language“. Doch vermute ich einmal, dass ich auch auf wenig
fluche.
So, 4) das Beste, bunte, von mir bislang erworbene Konsumgut war „rainbowcolored ice
cream“ (ehrlich sieben Farben in einer Kugel Eis. Großartig!) im „lesbian ice cream parlor“ in
Northhampton, von welcher Stadt man auch sagt, dass sie die liberalste neben San Francisco
sei.
Und zu guter letzt 5) habe ich in Spiel der Boston Celtics (Basketball) gesehen, was ziemlich
ernüchternd war: Menschen kommen und gehen während des Spiels, Singen und Klatschen
kaum und überhaupt ist ein Basketballspiel wohl eher als ein Anlass ziemlich viele HotDogs
zu essen, als als ein sehenswertes Sportereignis zu betrachten.
Eigentlich hätte ich sowieso viel lieber ein Spiel der Boston Red Sox (Baseball) gesehen,
doch um ein Spiel der Red Sox zu sehen, muss man, so habe ich mir sagen lassen, im
günstigsten Falle, eine Leber verkaufen. Aber ich habe die ‚guided tour’ durch ‚Fenway
Park’, das Heimstadion, gemacht, was überwältigend war. ‚’Cause there’s only one religion:
RED SOX!’ Ja, sie haben mich angesteckt.
Spiel Boston Celtics gegen Cleveland 76ers Statue zu Ehren von Ted Williams Fenway Park
‘The Greatest Hitter of all Times’
Und nun noch Eines, weil Menschen das immer tun, wenn sie im Ausland sind. Das Wetter:
Hier ist ziemlich wechselhaft. Wir hatten schon Schnee, es fröstelt nachts oft; und um die
minus 12 Grad, die wir bereits hatten, zu ertragen, habe ich habe mir zum ersten Mal in
meinem Leben Kleidung gekauft, die nicht chic, dafür aber praktisch ist. Doch wie Ihr den
Bildern entnehmen könnt ist das Wetter auch (sogar meistens) gut. Die Sonne scheint fast
immer, ich hatte hier den ersten Sonnenbrand meines Lebens und es hat am Tag immer noch
oft über 20 Grad: Momentan sitze ich auch in T-Shirt und Rock in einem Straßencafé um
euch diese e-mail zu schreiben. Sprich, ich vermisse den Nebel und den Regen in Konstanz
kein bisschen.
Dafür vermisse ich euch. Ja, ich habe ein bisschen Heimweh - manchmal. Die acht Wochen
Honeymoon-Phase (wie die Psychologen das glaube ich nennen) ist vorbei und man stellt fest,
dass das hier auch alles nur Alltag ist: Kaum ist ein Paper fertig geschrieben, muss man ein
Neues beginnen, ist ein Buch ausgelesen, fängt man ein Weiteres an, aufstehen, essen,
schlafen Sport… Same, same but different.
In diesem Sinne fühlt euch gedrückt.
Eure Julia
Donnerstag, 18. Juni 2009
Abonnieren
Posts (Atom)